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Übersetzungsdienstleistungen werden international! Von EN 15038 zu ISO 17100

Gerade einmal acht Jahre ist es her, dass mit der EN 15038:2006 „Übersetzungs-Dienstleistungen – Dienstleistungsanforderungen“ ein Mindeststandard für Übersetzungsdienstleister auf europäischer Ebene festgelegt wurde. Jetzt soll mit der ISO 17100 ein weltweiter Standard geschaffen werden. Gemeinsam mit der EN 82079-1 ist der Grundstein für eine funktionierende fremdsprachige Dokumentation gelegt.

Als Prozessnorm definiert sie die Rahmenbedingungen für die Durchführung von Übersetzungen, angefangen bei der Angebotslegung und Vorbereitung über die eigentliche Übersetzung und Qualitätssicherung bis hin zur Nachbereitung und Kundenlieferung. Den Nachweis, normenkonform zu arbeiten, können Übersetzungsdienstleister durch Eigenerklärung, Registrierung oder Zertifizierung erbringen.

Vier-Augen-Prinzip · Qualitätssicherung im Brennpunkt

Seit ihrem Erscheinen wird die EN 15038 in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Brennpunkt ist vor allem das Vier-Augen-Prinzip. So besagt die Norm in Kapitel 5.4.3: „Der Übersetzungsdienstleister muss sicherstellen, dass die Übersetzung Korrektur gelesen wird. Der Korrektor […] muss eine andere Person als der Übersetzer des betreffenden Textes sein und ebenfalls über die notwendige ausgangs- und zielsprachliche Kompetenz verfügen.“

Die einen empfinden das Vier-Augen-Prinzip als unnötige Erschwernis ihrer Marktchancen. Wer trägt die Mehrkosten? Wie lässt sich der zusätzliche Korrekturgang in die ohnehin meist sehr knapp bemessenen Lieferfristen integrieren? Wird die Übersetzung dadurch wirklich besser, denn viele Köche verderben bekanntlich den Brei? Die anderen sehen die Norm als Chance, den Wert von professionell erstellten Übersetzungen hervorzuheben und somit ein Marketinginstrument in dieser stark vom (internationalen) Wettbewerb geprägten Branche in der Hand zu haben (siehe auch hier).

EN 15038 · Norm mit Akzeptanzschwierigkeiten?

Erfahrungsberichte findet man nach dem ersten Hype nur wenige. Es scheint, dass die Norm die Erwartungen nicht (ganz) erfüllt. Gemäß einer Umfrage des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e. V. (BDÜ) zur turnusmäßigen Revision der Norm 2011 geben nur fünf Prozent der Befragten an, dass sie von ihren Kunden nach der EN 15038 gefragt werden; nur bei vier Prozent entscheidet die Antwort, ob sie den Auftrag erhalten oder nicht. Außerdem arbeiten nur drei Viertel nach der Norm und nur zwei Prozent sind zertifiziert (siehe auch hier).

Der tekom-Leitfaden „Einkauf von Übersetzungsdienstleistungen“ (2012) nennt die Zertifizierung gemäß EN 15038 immerhin als ein Entscheidungskriterium für die Auswahl des Übersetzungspartners, auch wenn die Norm nicht explizit darauf eingeht, was eine gute Übersetzung ausmacht. Der Kunde kann jedoch erwarten, dass durch korrekte Prozesse das Ergebnis, also die Übersetzungsqualität, stimmt.

Eine Übersicht der Übersetzungsdienstleister, die gemäß EN 15038 zertifiziert sind,  finden Sie hier.

Registrierung versus Zertifizierung ·  Die Kunden sind verunsichert

Verärgerung gab und gibt es durch das Nebeneinander von Registrierung (durch DIN CERTCO) und Zertifizierung (z.B. durch Language Industry Certification System, LICShttp://www.lics-certification.org/). Bei der Registrierung darf das DIN-CERTCO-Logo gegen Bezahlung einer Gebühr geführt werden, ohne dass durch externe Audits geprüft wird, ob der Übersetzungsdienstleister wirklich nach der Norm arbeitet. Dies gewährleistet nur die (teurere) Zertifizierung. So kam es zu einer Flut von Beschwerden wegen irreführender Werbung seitens zertifizierter Übersetzungsdienstleister. Die mit dieser Abmahnflut verbundenen Aufwände veranlassten den TÜV Süd 2012 dazu, seine Zertifizierung aus „wirtschaftlichen Gründen“ einzustellen. Nach dem Ausstieg von TÜV Süd wird die Zertifizierung im deutschsprachigen Raum von der Loctimize GmbH in Zusammenarbeit mit dem Language Industry Certification System (LICS) – einem Joint Venture von Austrian Standards Institute und dem International Network for Terminologie, TermNet – angeboten. Auf Kundenseite führt diese Zweigleisigkeit zu Verunsicherungen.

Warum wird aus der EN 15038 die ISO 17100? · Weltweit die gleiche Ausgangsbasis

Kaum eine andere Branche ist so international wie die Übersetzungsbranche, daher liegt es nahe, dafür einen weltweiten Standard zu schaffen. Gemäß der Wiener Vereinbarung, wonach Normen grundsätzlich auf internationaler Ebene herausgegeben werden sollen, wurde 2011 die Ausarbeitung der ISO 17100 avisiert. Inzwischen liegt ein Entwurf vor, es wird aber wohl noch ein wenig dauern bis die neue ISO-Norm tatsächlich in Kraft treten wird.

Was ist neu? · Veränderungen im Überblick

Die Unterschiede zwischen alter und neuer Norm werden (geht man vom vorliegenden Entwurfe aus) eher marginal sein.

„The state-of-the-art in the business hasn't changed since 2006 nor are there any major differences in how the European translation market works as compared to the international market. Reading the scope statement of ISO 17100 we see no difference between EN 15838 and ISO 17100. Both standards focus on the service processes and the service provider“, sagt Dr. Peter Jonas (Austrian Standards plus GmbH / LICS).

Verändert wurde vor allem die Struktur der ISO 17100, die sich nun stärker am allgemein gebräuchlichen Workflow von Übersetzungsprozessen ausrichtet. Dabei geht die Norm nicht auf jeden vorstellbaren Übersetzungsprozess ein, sondern setzt Mindeststandards. Der Anwendungsbereich klammert Maschinelle Übersetzungen und den Bereich Dolmetschen aus.

Zu den Neuerungen zählt die Anforderung, dass sowohl Übersetzer als auch Korrektoren über eine entsprechende Qualifikation im jeweiligen Fachgebiet verfügen müssen. Die Norm formuliert dabei lediglich entsprechende Kenntnisse im Fachgebiet sowie die Fähigkeit, sich fehlende fachliche Kompetenz anzueignen. Neu ist auch die Möglichkeit, dass die Qualifikationsanerkennung durch staatliche Stellen als Kompetenznachweis dienen kann, da es in manchen Ländern keine entsprechende Ausbildung gibt.

Neu aufgenommen wurde die Erfüllung von fachlichen Kompetenzen der Projektleitenden. Die Norm führt die Qualifikationen nicht explizit aus. Hier wird es bei den Übersetzungsdienstleistern liegen, die Anforderungen an die Mitarbeiter, die Projekte leiten, zu definieren und sicherzustellen, dass diese erfüllt werden.

Die Norm fordert verstärkt die Mitarbeit des Kunden für das Gelingen eines Übersetzungsprojekts. In der Projektvorbereitung teilt der Kunde dem Übersetzungsdienstleister alle relevanten Anforderungen mit, die er an die Qualität der Zieltexte und die Qualitätssicherung hat; außerdem stellt er die notwendigen Unterlagen zur Verfügung, um diese Vorgaben zu erreichen (z.B. Terminologien, Style Guides). Gemäß ISO 17100 wird es nicht mehr ausreichend sein, PDF-Dateien eines Dokuments ohne weiteren Ausgangsdateien zu schicken – was heute leider oft üblich ist. Dafür erhält der Kunde ein Angebot, dass ihm den Vergleich ermöglicht. In der Nachbereitungsphase ist der Kunde zu Feedback als Basis für Verbesserungsprozesse angehalten.

Für den eigentlichen Übersetzungsprozess bringt die ISO 17100 keine wesentlichen Neuerungen. Das diskutierte Vier-Augen-Prinzip bleibt weiterhin elementares Element der Qualitätssicherung. Explizit gefordert sind die ordentliche Archivierung sowie die Einhaltung von Datenschutzanforderungen seitens des Übersetzungsdienstleisters.

ISO 17100 und EN 82079-1 · Zwei Normen für eine funktionierende fremdsprachige Dokumentation 

Die Übersetzung steht und fällt mit dem Ausgangstext, daran ändert keine Übersetzungsnorm etwas. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die EN 82079-1:2013 „Erstellen von Gebrauchsanleitungen – Gliederung, Inhalt und Darstellung – Teil 1: Allgemeine Grundsätze und ausführliche Anforderungen“ nun auch auf Ausgangstextseite die Korrektur der Anleitungen fordert. Damit ist zumindest der theoretisch der Grundstein für eine funktionierende fremdsprachige Dokumentation gelegt. Die Praxis wird es zeigen!

Ausblick · Eine Branche im Umbruch

Noch steht nicht fest, wann die ISO 17100 tatsächlich in Kraft treten wird. Auch ist noch nicht klar, wie die neue Norm aufgenommen werden wird: Spiegelt sie wirklich alle Prozesse wider? Gerade bei Übersetzungsprojekten gleicht kein Auftrag dem anderen; zu unterschiedlich sind die Kundenanforderungen.

Abzuwarten wird auch sein, wie sich das Zertifizierungsverfahren darstellt. Dr. Peter Jonas vom LICS sagt dazu: „Nevertheless as ISO 17100 is identical to EN 15038 […], and assuming that the published version of ISO 17100 will not be different from the draft version, valid EN 15038 certificates may simply by replaced by ISO 17100 (and/or EN ISO 17100) certificates should the holder of the certificate wish to do so. No specific audits or other forms of conformity assessment of the TSP will be required for this replacement.“

Zeitgleich hat auf EU-Ebene ein Projekt zur Zertifizierung von Übersetzern gestartet, bei dem es nicht um eine Prozessnorm geht, sondern um eine Personenzertifizierung basierend auf tatsächlichen Übersetzerkompetenzen, als verlässliches Qualitätsmerkmal.

Bei weiteren Fragen schicken Sie eine E-Mail an: claudia.hagendorfer[at]text-it.at

Stand: 06/2014